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Die weibliche Pflicht zu lieben, von Andreas Capellanus bis Eliott Rodger

„Ich bin der perfekte Mann, und ihr schmeißt euch trotzdem an diese ganzen anderen dämlichen Typen ran“ – so begründete Eliott Rodger seine Wut auf Frauen, bevor er sechs Menschen tötete. Dass das nicht einfach die Tat eines „Verrückten“ war, sondern im Kontext einer bestimmten Kultur geschieht, die Männern beibringt, dass sie – unter bestimmten Voraussetzungen – einen „Anspruch“ auf die Zuwendung von Frauen haben, wurde auf verschiedenen feministischen Blogs bereits gesagt, zum Beispiel hier auf Kleinerdrei, dort stehen auch weitere interessante Links.

Es lohnt sich in diesem Zusammenhang, noch etwas genauer hinzuschauen. Denn die Art und Weise, wie sich dieser Anspruch konstituiert, ist komplex. Es ist ja keineswegs so, dass immer alle Männer einen Anspruch auf Sex (oder Zuwendung) aller Frauen hätten. Das Ganze ist vielmehr eingebettet in ein fest kulturell verankertes Geschlechterarrangement, das genau festlegt, welche Männer wann und warum einen Anspruch auf die Zuwendung welcher Frauen haben – und wann nicht.

Diese Konstruktion von sexuellen Verpflichtungen zwischen Frauen und Männern geht ungefähr ins 12. Jahrhundert zurück – ein Jahrhundert, in dem generell viel über dieses Thema geschrieben und experimentiert wurde. Damals entstand die Vorstellung, dass Frauen dadurch, dass sie bestimmten Männern ihre „Gunst“ erweisen, ein Qualitätsurteil über diese Männer sprechen. Das heißt: Frauen lieben nicht einfach nur so, sondern ihre Aufgabe ist es, aus einer Vielzahl von Bewerbern den „Besten“ auszuwählen.

Das „Grundlagenwerk“ dazu ist ein dreibändiges Epos „Über die Liebe“ von Andreas Capellanus. Er schreibt: „Die Frau muss sorgfältig untersuchen, ob der um ihre Liebe Werbende auch würdig ist, geliebt zu werden, und wenn sie ihn ganz und gar würdig findet, darf sie ihm keinesfalls ihre Liebe vorenthalten, es sei denn, sie ist durch die Liebe zu einem anderen Mann gebunden.“ (S. 37) und: Frauen „sind dringend gehalten, dafür zu sorgen, dass sie die Herzen der Guten bei ihren guten Taten erhalten und jeden entsprechend seinen Verdiensten belohnen. Denn was immer die Menschen an Gutem tun und sagen, sie pflegen alles dem Lob der Frauen zuliebe zu tun und es in ihrem Dienst zu vollbringen, damit sie sich der Belohnung durch sie rühmen können.“ (S. 109)

Capellanus unterscheidet in seinem Buch drei Klassen von Frauen: Diejenigen, die sich jedem Bewerber hingegeben, diejenigen, die alle Bewerber abweisen, auch die würdigen, und diejenigen, die sorgfältig prüfen und dann den Richtigen wählen (S. 64). Nur die letzten verhalten sich richtig, wobei laut Capellanus aber diejenigen Frauen, die alle Bewerber abweisen, noch schlechter sind als diejenigen, die sich allen hingeben. Auch viele Minnelieder folgen dieser Logik, sie erklären zum Beispiel lang und breit die Vorzüge des Sängers, die doch zu der ganz zweifelsfreien Schlussfolgerung führen, dass die Angebetete ihm ihre Gunst schenken muss.

Das Motiv findet sich auch in all den vielen Märchen, in denen die Prinzessin die Trophäe des Turniersiegers oder Drachentöters ist: Während der Prinz sich aussucht, welche Frau er haben will und dann um sie kämpft, muss die Prinzessin den Sieger nehmen, auch wenn ihr ein anderer vielleicht besser gefällt. Das Märchen vom Froschkönig macht das schön anschaulich: Die Prinzessin darf ihrem Ekelgefühl nicht folgen, sie muss den Frosch küssen, solange er in Wirklichkeit der Prinz ist (Ergänzung: In der Variante der Gebrüder Grimm tut sie es aber nicht, sondern schmeißt ihn an die Wand, mehr dazu in den Kommentaren). Die Gegengeschichte wird im Aschenputtel erzählt: Der Prinz setzt alles in Bewegung, um die Frau zu finden, die er will, auch wenn sie nicht unter den anerkannten Bewerberinnen ist.

Vor diesem Hintergrund erklären sich auch noch andere Aspekte unserer Geschlechterkonstruktionen. Zum Beispiel die Pflicht für Frauen, ihre generelle Attraktivität sicherzustellen – denn als Trophäe kann sie ja nicht dienen, wenn sie von Männern für unattraktiv gehalten wird. Für Männer wiederum bedeutet das, wenn sie von einer Frau abgewiesen werden, dann ist das nicht einfach nur ein subjektives Urteil dieser Frau (in dem Sinne, dass diese eine Frau sie halt nicht attraktiv findet), sondern es ist gleichbedeutend mit einem allgemeinen, objektiven Urteil über ihren Wert und ihre Männlichkeit. Männer können es sich nicht leisten, von Frauen abgewiesen zu werden, nicht weil sie dann keinen Sex haben, sondern weil sie dann im allgemeinen Männer-Ranking nach unten rutschen.

In gewisser Weise kann man in all dem durchaus einen „Zivilisierungsprozess“ sehen. Denn es wurde mit diesem Arrangement auch festgelegt, dass Männer Frauen nicht einfach so vergewaltigen dürfen, zumindest „freie“, gleich- oder höhergestellte Frauen nicht. „Niedrigere“ Frauen, also etwa Dienstmädchen oder Bauerstöchter durften auch nach dieser Logik weiter vergewaltigt werden, denn sie hatten eben diese Fähigkeit, männliche Qualität zu erkennen, nicht.

Aber dem Urteil einer gleich- oder höhergestellten Frau über seine Qualität hatte sich ein Mann zu fügen. Diejenigen, die Rodger jetzt als „krank“ beschreiben, weisen also durchaus mit Recht darauf hin, dass er in bestimmter Hinsicht von diesem Arrangement der Geschlechterbeziehungen abwich. Er hielt sich ja gerade nicht an die Logik, dass Männer ihr „Gutsein“ dadurch beweisen, dass sie von Frauen attraktiv gefunden werden, sondern erkannte das Urteil der Frauen nicht an.

Dass er sich selbst gleichzeitig aber diesem Arrangement verpflichtet fühlt, zeigt seine Begründung, in der er uns in Erinnerung ruft, dass Frauen laut dieser Logik eben nur solange vor Übergriffen geschützt sind, wie sie den „Besten“ dann auch wirklich nehmen.

Deshalb habe ich ein bisschen Bauchschmerzen, wenn in der Debatte manchmal gesagt wird, Männer müssten sich Frauen gegenüber respektvoll verhalten, wenn sie für diese interessant sein wollen. Denn das Begehren der Frauen ist ja frei, es ist Ausdruck dessen, was sie subjektiv wollen und eben NICHT ein Qualitätsurteil über die Gutheit oder Männlichkeit oder Gewinnerhaftigkeit des betreffenden Mannes. Aber leider gibt es das Ganze inzwischen auch in der emanzipatorisch gewendeter Variante: Demnach dürfen sich emanzipierte Frauen nicht mit moralisch zweifelhaften Männern abgeben, zum Beispiel nicht mit einem Mann zusammenbleiben, der sie betrogen hat oder der keinen Handschlag im Haushalt tut. Die moderne Frau muss sich einen Mann aussuchen, der es „wert“ ist, der vor ihren feministischen Freundinnen bestehen kann, bestimmt nicht darf es ein „Macho“ sein. Aber das ist nur dasselbe in Grün.

Die Wahrheit ist: Frauen begehren wen sie wollen. Oder, wie es Franziska von Reventlov schon 1912 in einem Roman schrieb: „Die wertvolle Frau, die sooft und unbegreiflicher Weise ihr Gefühl an unwürdige Objekte verschwendet, und der wertvolle Mann, der ungeliebt beiseite steht, die ganze Litanei…. Und ich habe mich so redlich bemüht, Ihnen plausibel zu machen, dass innerer Wert gar nichts mit erotischer Attraktion zu tun hat. Wenn jemand gefällt, frage ich doch den Teufel danach, wie es mit seinem inneren Wert bestellt ist.“ (S. 15)

Einen Menschen wollen, wie er/sie ist?

Gerade las ich auf Twitter einen Satz, der mir das Wesen der Liebe ziemlich genau auf den Punkt zu bringen scheint:

Einen Menschen zu nehmen wie er ist, ist gar nichts, das muß man immer. Die wirkliche Liebe besteht darin, ihn auch zu wollen, wie er ist. (@wolf_1000)

Mich sprang der an, weil ich mich schon oft darüber gewundert habe, wie häufig Menschen in Liebesbeziehungen (und ich glaube, mehr Frauen als Männer) den_die andere verändern möchten. Auch viele Beziehungskonflikte drehen sich doch darum, dass der_die andere sich bitte ändern soll. Wenn er_sie nicht das und das ändert, dann werde ich ihn verlassen, wird dann zum Beispiel gesagt.

Ich selber hatte eigentlich nie den Wunsch, jemanden zu ändern. Also im Zusammenhang mit Liebe. Arbeitskollegen oder Mitbewohnerinnen gegenüber stelle ich schon mal solche Forderungen, zum Beispiel dass ich verlange, sie sollen zu Sitzungen pünktlich kommen oder mir nicht meinen Käse wegessen ohne neuen zu kaufen.

Und insofern ein Liebespartner eventuell auch Mitbewohner ist, kenne ich solche Konflikte also auch. Aber in Bezug auf die Liebe?

Die Liebe, so sehe ich es, ist eine Beziehungsqualität, die zunächst einmal von mir ausgeht. Ich liebe eine Person, so wie sie ist, und nicht eine Person, die so ist, wie es ich mir wünsche, dass sie wäre, also anders, als sie tatsächlich ist.

Wenn ich hingegen eine Person verändern möchte, dann liebe sie eben vermutlich nicht, was ja auch nicht weiter schlimm ist (dies, um den moralischen Schlenker aus dem Satz zu nehmen. Ich bin ja nicht verpflichtet, irgendjemanden zu lieben).

Mir ist auch schon passiert, dass im Laufe der Entwicklung die Liebe meinerseits weniger wurde, weil mir Eigenschaften und Charakterzüge an einer Person bekannt geworden sind oder für mich wichtiger wurden, die ich nicht mochte. Aber auch dann hätte ich deshalb nie von der Person gefordert, dass sie sich ändert, nur damit ich sie weiter lieben kann. Sondern die Frage, die sich für mich dann stellte, war: Liebe ich sie trotzdem?

Manchmal Ja, manchmal nein.

Oder wie seht Ihr das?

Die Welt zu zweit sehen. Und: Liebe und Politik

Weil ich zur Buchmesse einer Mitarbeiterin des Passagen-Verlages eine Übernachtungsmöglichkeit organisiert habe, wurde ich mit einem Büchlein beschenkt: Alain Badious „Lob der Liebe“.

Darin fand ich einen Gedanken, den ich interessant finde und hier festhalten will:

Was ist die Welt, wenn man sie zu zweit und nicht alleine erfährt? Was ist das für eine Welt, die ausgehend vom Unterschied und nicht von der Identität erforscht, praktiziert und gelebt wird? (S. 27).

Und weiter:

Denn sie und ich, wir sind Teil dieses einzigen Subjekts, dieses Liebessubjekts, das die Entfaltung der Welt durch das Prisma unseres Unterschieds sieht, sodass diese Welt sich ereignet und geboren wird, anstatt nur das zu sein, was meinen persönlichen Blick erfüllt. (S. 29).

Liebe ist also nicht eine „Verschmelzung“, ein „Einswerden“, aber auch nicht einfach nur eine Beziehung der Differenz zueinander, eine Art und Weise, sich zu einem oder einer Anderen in Beziehung zu setzen, sondern sie ist ein – wie Badiou es formuliert – „Wahrheitsverfahren“: Indem wir die Welt aus der Perspektive des Unterschieds betrachten und auf gewisse Weise damit hervorbringen, erkennen wir eine Wahrheit, die dem einzelnen Individuum, das die Welt nur aus seiner eigenen Perspektive betrachtet, verborgen bleibt.

Diesen Gedanken finde ich sehr wichtig (wobei Badiou meines Erachtens sich ziemlich deutlich aus dem Denken von Hannah Arendt bedient, die er aber nicht zitiert).

An einem anderen Punkt bin ich mit Badiou nicht einverstanden, und zwar dort, wo er darauf besteht, die Liebe klar von der Politik zu trennen. Sein Argument ist:

In der Liebe können eine Begegnung, eine Erklärung und eine Treue den absoluten Unterschied, der zwischen zwei Individuen besteht – immerhin einer der größten Unterschiede, die man sich vorstellen kann, weil es ein unendlicher Unterschied ist –, in eine schöpferische Existenz verwandeln. In der Politik kann nichts dergleichen mit den grundlegenden Widersprüchen geschehen. Das bedeutet, es gibt tatsächlich Erzfeinde. (S. 51f)

Und weiter:

Das politische Problem ist die Kontrolle des Hasses und nicht der Liebe. Der Hass ist eine Leidenschaft, die fast unvermeidlich die Frage des Feindes aufwirft. Wir werden also sagen: In der Politik, wo es Feinde gibt, ist die Kontrolle, ja die Beseitigung jeder Wirkung des Hasses eine der Aufgaben der Organisation, wie auch immer sie aussieht. (S. 60).

Das fand ich nun sehr verblüffend, weil Badiou hier bis in die Wortwahl hinein bestätigt, was Annarosa Buttarelli in ihrem Text „Souveräninnen“ (in dem Band von Diotima: Macht und Politik sind nicht dasselbe) schreibt. Sie bezieht sich dabei auf die Arbeiten von Nicole Loraux (La Cité divisée, Paris 1997), die die Entstehung der athenischen Demokratie untersucht hat: Sie sei ein Versuch gewesen, den Hass des Bürgerkrieges einzuhegen und vergessen zu machen:

Am Ursprung des demokratischen Zusammenlebens steht der Hass. (S. 178)

Buttarelli ist der Auffassung – und ich sehe das auch so – dass diese Herleitung der Demokratie aus dem Hass irrational ist und von Frauen nicht geteilt wird. Als Wurzel der Politik sieht sie vielmehr die „Liebe zur Realität“ – und interessanterweise benutzt sie an dieser Stelle genau jenes Wort, das laut Badiou (und man kann wohl sagen: Laut dem überwiegenden Teil der männlichen Theoretiker des Politischen) mit Politik eben gerade nicht vermengt werden darf: Liebe.

Möglicherweise hängt diese unterschiedliche Einschätzung auch noch mit einem anderen Punkt zusammen, nämlich Badious Ablehnung jeglichen Transzendenzbezugs:

Man muss zeigen, dass es in Wirklichkeit sicherlich eine universelle Macht der Liebe gibt, dass diese aber einfach unsere Möglichkeit ist, eine positive, bejahende und schöpferische Erfahrung des Unterschieds zu machen. Der Andere ja, aber ohne den „Ganz-Anderen“, ohne den „Großen Anderen“ der Transzendenz. (S. 57)

Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass in dem Moment, wo Liebe nicht in einer Transzendenz verankert wird, sondern als rein innerweltliche „schöpferische Erfahrung“ gesehen wird, sie vielleicht tatsächlich nicht ausreicht, um im Bereich des Politischen eine relevante Rolle zu spielen.

Vielleicht können die Menschen, wenn sie auf sich selbst gestellt sind, tatsächlich nicht dem ewigen Kreislauf des Hasses entkommen, und vielleicht können sie dann nicht anders, als in politischen Gegnern „Feinde“ zu sehen, die man unmöglich lieben kann, sondern die man bekämpfen muss. Und vielleicht brauchen die Menschen (die Männer?) die demokratischen Strukturen tatsächlich vor allem deshalb, um zu verhindern, dass sie sich ständig gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Aber damit kann ich mich nicht zufrieden geben. Buttarelli schreibt:

Man müsste die Demokratie auf der Basis des Konfliktes neu gründen, ohne Blutvergießen und also auf der Basis der Zuneigung, der menschlichen Sensibilität. … Offensichtlich besteht das Problem auch in diesem Fall darin, das Wort „Konflikt“ für männliche Ohren quasi zu „entlauben“ oder ihm eine neue Bedeutung zu geben, denn sie haben es nur in seiner extremen Bedeutung gehört und gebraucht, nämlich der des brudermordenden Kampfes, den man mit dem Ziel führt, den anderen zu unterdrücken. (S. 180)

Romeo und Julia: Die Erregung des Verbotenen

“Die Liebe als Überschreitung, außerhalb des Gesetzes, als geächtet: Diese allgemeine Idee überwiegt im gängigen Bewußtsein wie in den literarischen Texten”, schreibt Julia Kristeva in ihren “Geschichten von der Liebe” (201) über den westlichen Liebesdiskurs, und natürlich nimmt sie als Beispiel die wohl bekannteste Geschichte von “verbotener Liebe”: Romeo und Julia.

Hunderte, Tausende und Abertausende von (ausschließlich heterosexuellen?) Paaren haben sich in Verona an den Wänden des angeblichen Wohnhauses der Julia verewigt und tun das auch weiterhin, in wer weiß wie vielen Schichten übereinander. Das Gewusel ihrer durch Herzen umrahmten Namen ist eine rührende Widerlegung der angeblichen “Einzigartigkeit” jeder dieser Hoffnungen, ihre Liebesbeziehung bis zum bitteren Ende und gegen jede äußere Norm antrotzen zu lassen.

Die sehnsuchtsvolle Bezugnahme heutiger Paare auf Romeo und Julia ist ja durchaus erstaunlich, denn, wie Kristeva bemerkt: “Die Geschichte des berühmten Paars ist im Grunde eine Geschichte des unmöglichen Paars: Sie lieben sich weniger lang, als sie sich auf das Sterben vorbereiten.” (202)

In einer oberflächlichen Betrachtungsweise könnte man meinen, mit dieser Geschichte feiert der Westen die humanistische Befreiung der Liebe aus den Zwängen der gesellschaftlichen Normen und der arrangierten Ehen, allerdings lässt die Obsession, mit der die Leidenschaft von Romeo und Julia zur Blaupause für wahre, bedingungslose Liebe und Hingabe ist, Zweifel aufkommen: Ist es wirklich die Freude darüber, dass wir heute diese Zwänge weitgehend überwunden haben, die sich in der anhaltenden Faszination für die Geschichte zeigt?

Oder ist es nicht vielmehr ein Anzeichen für eine Sehnsucht, die daher rührt, dass sich unsere Bilder von romantischer Liebe mit deren Verbot quasi untrennbar vermischt haben? Julia Kristeva fragt ganz richtig im Bezug auf das berühmte Role-Model-Paar: “Entspringt ihre Lust der Erfülltheit des Zusammenseins oder der Angst vor der Rüge? (203)

Sie nennt das den “Schatten des Dritten: Eltern, Vater, Gatte oder Gattin beim Ehebruch, ist in derartigen Erregungen der Fleischeslust vermutlich stärker anwesend, als die unschuldigen Sucher nach einem Glück zu zweit zugeben. Man entferne diesen Dritten, und schon stürzt, oft genug, das Gebäude ein, weil dem Begehren nun letzter Grund und Ursache fehlen.”

Ich zum Beispiel habe nie verstanden, was Leute an Sex auf dem Küchentisch oder auf dem Flugzeugklo finden, ich finde es immer im Bett eigentlich schöner. Es ist genussvoller, einfacher und weniger unbequem.

Aber vielleicht passt “einfach, gemütlich, ungefährlich” mit dem Bild, das wir von der romantischen Liebe haben, nicht zusammen. So richtig romantisch ist es erst, wenn man Angst haben muss, entdeckt zu werden, die Erregung speist sich aus dem Gefühl, etwas “Verbotenes” zu tun.

Konservative Milieus – zum Beispiel bestimmte fundamentalistisch-religiöse Gruppen – nehmen das tatsächlich als Argument: Wenn alles erlaubt ist und wir jederzeit mit jedem Menschen Sex haben könnten, mit dem uns das in den Sinn kommt, so behaupten sie, ist doch kein Reiz mehr dabei. Sie geben dabei vor, sittliche Rahmenbedingungen für “erlaubten” Sex vorgeben zu wollen, vielleicht aber hat ihr Erfolg bei nicht wenigen jungen Leuten auch einfach nur den Grund, dass sie bereitwillig diese Rolle des “Dritten” übernehmen, also den Rahmen von Verboten bereitstellen, der notwendig ist für ein Begehren, das sich nicht einfach am Genuss des gemeinsamen Verliebtseins erfreut, sondern sich daraus speist, gemeinsam und heimlich und wagemutig gegen ein Gesetz zu verstoßen.

Freie Liebe, so meine These, haben wir aber nicht dann verwirklicht, wenn wir den Mut haben, gegen Liebesnormen und Liebesgesetze zu verstoßen, sondern dann, wenn wir diesen Verstoß nicht mehr nötig haben, um zu begehren und zu genießen.

Freie Liebende, so glaube ich, würden unter dem Balkon der Julia keine Herzen malen und ihre eigenen Namen hineinstellen, sondern sie würden dort Kerzen anzünden, als Zeichen der Trauer und des Mitgefühls. Sie würden nicht sehnsuchtsvoll sich wünschen, genauso zu lieben wie Romeo und Julia, sondern sie wären dankbar dafür, dass sie anders lieben können: Ohne Heimlichtuereien, ohne Angst vor Entdeckung, ohne Verbote.

Voraussetzung dafür wäre natürlich, dass sie sich tatsächlich lieben. Und keinen “Dritten” brauchen, dessen Gesetz ihre Liebe verbietet und ihr dadurch Reiz verleiht.

Die Sache mit der „platonischen Liebe“

Selten versagt Wikipedia so grandios wie bei dem Versuch, zu erklären, was platonische Liebe ist. Und das ist ja auch nicht einfach zu verstehen: Schließlich hängt die Liebe bei Platon ganz klar mit dem Eros zusammen – also mit körperlicher Erregung, mit Sex – während gleichzeitig im Alltags-Sprachgebrauch unter „platonischer Liebe“ Liebe ohne Sex und Berührung verstanden wird. Wie ist es dazu gekommen?

Bei einem Vortrag zum Thema „Freiheit braucht Liebe“ gestern in Biebesheim haben wir über das Thema gesprochen, und irgendwie wurde mir dabei plötzlich klar, wie das mit der platonischen Liebe vermutlich gewesen ist. Hier der Versuch, das weiterzugeben.

Eine der zentralen Auseinandersetzungen Platons mit der Liebe findet sich im „Phaidros“. Darin behandelt er die interessante Frage, ob man seine Gunst einem Bewerber schenken soll, der in einen verliebt ist, oder lieber demjenigen, der die vernünftigsten Gründe für eine Beziehung anführt. (Platon hat nur Männer im Sinn, aber das Wesentliche des Gedankens lässt sich auf Menschen generell übertragen.)

Sokrates plädiert hier in einer Hommage an Eros für den „Rausch“ des Verliebtseins, der gegenüber der nutzenrationalen Betrachtung die bessere Wahl sei. Jedoch mit einer Bedingung: Dass nämlich dieser erotische Rausch seine Ursache nicht in den körperlichen Trieben hat, sondern „durch göttliche Schickung entsteht“.

Damit weist Platon auf einen Faktor hin, der für die Liebe in der Tat wichtig ist, wenn sie Freiheit ermöglichen soll: die Transzendenz. Dass wir lieben oder geliebt werden ist nicht einfach nur ein banaler Zufall oder gar ein Ausstoß irgendwelcher Hormone oder Triebe, sondern verweist auf etwas Jenseitiges, eine Transzendenz, auf etwas, das die innerweltlichen Maßstäbe überschreitet.

Das führt natürlich gleich zu der „Ideenlehre“ Platons, also seiner These, dass die materielle Welt, das was hier „unten“ existiert, lediglich ein Widerschein von übergeordneten „Ideen“ ist. Dieses „Eigentliche“, die „Ideen“ können Menschen nach Platons Ansicht nicht direkt wahrnehmen, sondern nur vermittelt über das Materielle. Aber das eigentliche Wesen der materiellen Dinge (also auch der Menschen oder ihrer Liebesbeziehungen) liegt darin, dieser „Idee“ zu entsprechen, ihr möglichst nahe zu kommen. Das gilt auch für die Liebe, und eben auch für Eros, also die Sexualität. Es geht nicht darum, keine Sexualität zu haben, sondern darum, dass auch für den Sex gilt, dass er nicht einfach ein irdischer Akt sein soll, sondern der „Widerschein“ einer höheren Idee.

Ebenfalls wichtig für Platons Vorstellung von der Liebe ist der Mythos der „Kugelmenschen“, der von einem Teilnehmer im berühmten „Symposium“ vorgetragen wird. Demnach sind wir Menschen heute nur „halb“, die Hälften eines ehemals ganzheitlichen Wesens, und daher immer auf der Suche nach unserer „anderen Hälfte“. Waren wir früher die Hälfte eines weiblichen Kugelmenschen, sind wir heute lesbisch, waren wir die Hälfte eines männlichen Kugelmenschen, sind wir schwul, waren wir die Hälfte eines gemischtgeschlechtlichen Kugelmenschen, sind wir heute heterosexuell. Das heißt, die Liebe, Eros, sexuelle Anziehung ist für Platon eine Motivation, damit Menschen durch die Beziehung zu einem anderen Menschen quasi „vollständig“ werden können.

Soweit dürfte klar sein, dass „platonische Liebe“ bei Platon selbst schon mal nichts mit der Abwesenheit von Sex zu tun hat, sondern mit der Anwesenheit einer bestimmten Qualität von Sexualität. Nämlich mit einer, die nicht nur irdische Lust und Trieberfüllung zum Zweck hat, sondern die höhere „Idee“ des Menschseins widerspiegelt. Dieser „Idee vom Menschen“ können Einzelne nicht alleine entsprechen, sondern nur durch die Liebe zu anderen.

Die Rede von der „platonischen Liebe“, so wie sie heute geläufig ist, kam in Europa erst mit der Neuzeit auf. Bis dahin hatte sich im Vergleich zu Platons Zeiten jedoch einiges geändert  im Hinblick darauf, wie über die Liebe gesprochen wurde. Vor allem hatte die Liebe eine geschlechtliche Aufteilung erlebt.

Schon bei Platon war angelegt, dass die wahre „Ideenliebe“, also das gemeinsame Streben nach einem höheren Ideal, eigentlich eine Sache zwischen Männern ist. In der Neuzeit bildete sich in Europa im männlichen Denken sogar die Vorstellung heraus, dass Frauen generell für Liebe und Freundschaft ungeeignet seien (was wohl nicht der Realität entsprach, denke ich, aber im kulturellen Diskurs wurde es so verhandelt).

Gleichzeitig war Sex etwas geworden, das nur noch zwischen Männern und Frauen stattfinden sollte, aber nicht zwischen zwei Männern. Die Liebe zwischen Männern firmierte nicht mehr als Eros, sondern als „Freundschaft“ (über Beziehungen zwischen Frauen untereinander wurde überhaupt nicht gesprochen). Dass Sexualität eine „transzendente“ Komponente haben kann, war aus dem Blick geraten, Sex war reduziert worden auf die Funktionen der Triebabfuhr, der körperlichen Lust und des Kinderzeugens.

Mit der Romantik kam dann erstmals die Idee auf, dass es auch „ernsthafte, wahre Liebe“ (und nicht nur zweckorientierte Sex- und Eheverhältnisse) zwischen Frauen und Männern geben könnte. Eine ganze Masse an Literatur im 18. Jahrhunderts handelt von dieser unerhörten neuen Idee.

Die Frage nach der Sexualität wird dabei nur implizit behandelt, doch es ist eigentlich klar, dass sie im Spiel ist und nicht ausgeklammert wird (man denke nur an Goethes Wahlverwandtschaften). Aber die Sexualität steht nicht im Vordergrund, ganz einfach weil sie dieses Neue, das mit der Romantik aufkommt, gar nicht betrifft: Dass Frauen und Männer miteinander Sex haben, war ja eben nichts Neues, neu war hingegen die Idee, dass sie sich gleichzeitig dabei auch noch lieben könnten. Und zwar in einem „platonischen“ Sinn, also dem, dass sie sich durch die Liebe gegenseitig vervollkommnen und damit der eigentlichen „Idee“ des Menschseins näher kommen.

Dass dann im 19. Jahrhundert der Sex aus dieser „platonischen Liebe“ explizit ausgeklammert wurde und sie nach und nach sogar zur Metapher für „sexlose Liebe“ wurde, liegt meines Erachtens an mehreren Faktoren:

Indem die „platonische Liebe“ zwischen einem Mann und einer Frau dem Modell der Freundschaft zwischen Männern nachempfunden war, gleichzeitig die Männerliebe aber inzwischen ohne Sexualität gedacht wurde, übertrug sich die Abwesenheit der Sexualität auch auf die heterosexuelle Liebe.

Außerdem sollte dieses neue „heterosexuelle Liebesmodell“ ja gerade einen Gegenentwurf zur klassischen Ehe darstellen. Die Ehe zwischen Mann und Frau war bis dahin als eine Institution gesehen worden, in der Liebe geradezu unmöglich ist (die ganze Minneliteratur beschäftigt sich damit). Sexualität gehörte aber konstitutiv zum Kern der Ehe, deren Zweck es ja war, Kinder in die Welt zu setzen. Es ist daher auch kein Zufall, dass das Konstrukt der „platonischen Liebe“ vor allem auf heterosexuelle Beziehungen außerhalb der Institution Ehe angewendet wurde.

Ein übriges tat dann noch die generelle Sexualitätsfeindlichkeit des viktorianischen Zeitalters, und vor allem die darin sich entwickelnde Idee einer weiblichen Asexualität, also die Vorstellung, dass Frauen Sex sowieso nicht mögen oder können, sondern nur über sich ergehen lassen (auch das ein Gegenmodell zu den Weiblichkeitsvorstellungen früherer Jahrhunderte, in denen Frauen als sexgierig dargestellt worden waren).

Nachdem wir das heute alles mehr oder weniger hinter uns gelassen haben, könnten wir die „platonische Liebe“ in ihrem eigentlichen Sinn wieder entdecken. Sympathisch und erhaltenswert finde ich die Vorstellung, dass Sexualität, oder besser der „Eros“, also die körperliche Anziehung, das Begehren, die Erregung nicht einfach nur Ausdruck individueller Lust oder eines Triebes sind, der sozusagen „an der anderen befriedigt wird“, sondern dass zu einem „guten“ oder „legitimen“ Sex auch dazugehört, dass man eine wirkliche Beziehung zueinander eingeht (wie auch immer man die dann näher bestimmen mag). Das erscheint mir ein wirkungsvoller Riegel vor jeglicher Legitimation von Vergewaltigung zu sein.

Ob hingegen die platonische Trennung zwischen „materieller Welt hier unten“ und „reiner Idee da oben“ so sinnvoll ist, bezweifle ich. Dieser Dualismus scheint mir tatsächlich im Kern einer patriarchalen Weltaufteilung in „oben und unten“, „geistig und körperlich“, „spirituell und innerweltlich“ zu sein, die der Feminismus zu Recht aufgekündigt hat. Wie man das anders und postpatriarchal weiterdenken könnte, wäre dann die Frage, auf die wir heute eine Antwort suchen müssen.

Mehr Souveränität in Liebesdingen, meine Damen!

Gestern schickte mich das Internet durch diesen Tweet auf ein Video, in dem US-amerikanische Teenager in die Kamera erzählen, was ihnen zu der Fernsehserie “My little Pony” (eine Art rosafarbene Zeichenfilmidylle mit Ponies und Glitter) einfällt. In dem Zusammenhang wurden die  weiblichen Teenager gefragt, ob sie denn einen Jungen, der so etwas schaut (offenbar gibt es unter dem Label “Bronies” eine Gruppe von männlichen Jugendlichen, die aus der Serie einen Kult gemacht haben), daten würden: Entrüstetes Kopfschütteln, und zwar bei allen. Sich in einen Mann zu verlieben, der Sendungen von rosa Pferdchen gut findet, ist für sie ganz und gar ausgeschlossen.

Das fand ich nun schon eine schockierende Reaktion. Und zwar nicht in erster Linie, weil hier platte Geschlechter-Stereotypen zementiert werden. Die interessantere Frage finde ich: Wieso schränken diese Mädchen den Pool potenzieller Liebhaber so drastisch ein? Warum setzen sie solche Hürden, mit denen sie sich doch selbst schaden, weil sie niemals in den Genuss einer Beziehung zu einem Mann kommen werden, der zwar rosa Pferdchen mag, aber ansonsten toll im Bett, ein super Gesprächsparter, idealer Kindsvater oder was auch sonst immer sein könnte?

Es erinnerte mich auch an die derzeitigen Feuilleton-Debatten zum Thema “Schmerzensmänner”, die Nina Pauer mit einem Artikel in der Zeit angestoßen hat, für den sie viel Kritik bekommen hat. Ihre These ist unter anderem, dass die jungen Männer von heute in einer Identitätskrise sind, mit ihrer Über-Sensibilität alles zu kompliziert machen und deshalb für Frauen als Liebespartner uninteressant geworden wären.

Dass der Artikel so viel Resonanz gefunden hat, zeigt, dass Pauer damit einen Nerv getroffen hat. Die Kritik, die ihr viele zu Recht entgegen gehalten haben, ist, dass sie hier ein Klischee der jungen Männer von heute zeichnet, das die Realität nicht trifft. Und das finde ich auch. Es ist ein Zerrbild, das sie hier problematisiert, das kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Was aber, wenn das Interessante an Pauers Analyse nicht die Männer betrifft, sondern die Frauen und ihre Wünsche? Wenn ihr Artikel also eigentlich nicht die angeblichen “Schmerzensmänner” zum Thema hätte, sondern die älteren Schwestern jener Teenager aus dem Video, die es sich so überhaupt gar nicht vorstellen können, mit einem “Rosa-Pony-Jungen” auszugehen?

Dass Frauen heute strikte Kriterien an mögliche, geeignete männliche Liebespartner anlegen, scheint mir eine zutreffende Beobachtung zu sein. Sie taucht in soziologischen Studien auf (wonach Männer, die den weiblichen Mindestanforderungen an zivile Umgangsformen, finanzielle Eigenständigkeit, intellektuelles Niveau etc. nicht genügen, es extrem schwer haben, eine Partnerin zu finden).

In der frauenemanzipatorischen Periode der letzten dreißig, vierzig Jahre haben wir eine unglaubliche kulturelle Produktion (Filme, Romane, you name it) erlebt, bei der den Frauen eingebläut wurde, dass sie ja nicht mit Losern zusammen sein dürfen. Was all diese anspruchsvollen erwachsenen Frauen mit den Teenagern aus dem Video gemeinsam haben, ist die Haltung: Lieber keinen Mann als einen, der bestimmte (ob tatsächliche oder eingebildete) Macken hat.

Und natürlich liegt darin zunächst auch ein Stück Freiheit: Dass Frauen in Punkto Liebespartner wählerisch sein können, ist ja bei weitem keine Selbstverständlichkeit, sondern ein historisch sehr junges Phänomen. Über Jahrhunderte hinweg war das “Einen Mann Finden” das wichtigste Projekt im Leben einer Frau, denn sie hatte nur über ihren Status als Ehefrau und Mutter gesellschaftliche Relevanz und ein sicheres Einkommen. Nur Prinzessinnen im Märchen konnten wählerisch sein und sich aus der Kandidatenkür der Prinzen denjenigen auswählen, der am meisten Drachen getötet hatte.

Wenn die heterosexuelle Liebe gerettet werden soll, dann müssen wir heute neue Gründe dafür finden, warum eine Frau einen Mann lieben sollte. Nachdem der Zwang für die Frauen weggefallen ist, scheint bei den älteren Frauen eine gewisse Rationalität die Entscheidung zu dominieren (er muss “passen”, ich muss irgendeinen Vorteil davon haben, auf gar keinen Fall aber Nachteile). Bei den jüngeren Frauen wiederum scheint noch nicht einmal das mehr als Begründung auszureichen. Vielmehr scheint der männliche Liebespartner zu einem bloßen Prestigeobjekt geworden zu sein (er muss etwas “hermachen”, er muss öffentlich vorzeigbar sein, keinesfalls darf er peinliche pinke Ponies mögen).

Man kann darin natürlich eine Folge der “Emanzipation” sehen, und sie ist es wohl auch, denn für Männer (vor allem bürgerliche, etablierte, wohlhabende) war es schon immer akzeptabel, ihre weiblichen Partnerinnen nach Prestige- und Rationalitätsaspekten auszuwählen.

Unter dem Aspekt der Liebe sind diese Kriterien der Partnerwahl aber nicht besonders klug. Denn indem Frauen von vornherein alle Männer aussortieren, die rosa Ponies mögen, wenig Geld verdienen oder auf irgend eine andere Art die sozialen “Passabilitätskriterien” nicht erfüllen und nicht genug “hermachen”, verbauen sie sich selbst die Fülle der möglichen unmöglichen Liebeserlebnisse, die gerade in der Begegnung mit dem Anderen, dem Nicht-Normalen, dem Absurden und Abseitigen liegen.

Von daher möchte ich den Damen zurufen: Mehr Souveränität in Liebesdingen, bitte! Denn nicht nur könnt Ihr euch heute selbst ernähren und zählt gesellschaftlich als vollwertige Personen, auch wenn ihr keinen Mann habt. Die Sache mit der weiblichen Freiheit ist noch besser: Ihr könnt es euch sogar erlauben, einen Mann zu lieben, der von anderen belächelt wird.

Oder anders gesagt: Ihr braucht gar nicht mehr davon zu träumen, Prinzessinnen zu sein, ihr könnt gleich richtige Königinnen werden.

Die Liebe und ihre Projekte

Schon seit längerem denke ich darüber nach, warum die Liebe eigentlich so oft als Problem gesehen wird, während sie doch in Wirklichkeit etwas Großartiges und Schönes ist. Hier meine Idee, die noch etwas über das hinausgeht, was Eva Illouz als Problem der spezifisch mittelständisch-bürgerlich-romantischen Liebesbeziehung ausmacht.

Und zwar ist meine These, dass das Problem heute nicht in der Liebe als solcher liegt, sondern darin, die Liebe in ein bestimmtes Lebensprojekt zu überführen – was die bürgerliche Hetero-Paarbeziehung sein kann (die heute manchmal auch homosexuell ist), aber nicht muss. Das Projekt kann auch eine polyamore Beziehungsstruktur sein oder aber auch die Liebe zu einem Beruf oder zu einem politischen Engagement. Der Irrtum unserer Kultur besteht nun darin, dass wir glauben, dass aus der Liebe automatisch oder zwangsläufig ein gelungenes Projekt hervorgehen muss, und wenn das nicht der Fall ist, dann muss irgend etwas falsch gelaufen sein.

Doch Liebe und Projekte existieren erst einmal getrennt voneinander. Man wünscht sich für das eigene Leben ein Projekt – zum Beispiel möchte man Kinder haben, ein Haus bauen, einen sinnvollen Beruf ausüben oder etwas dergleichen. All das kann man auch ohne Liebe, gewissermaßen rein pragmatisch angehen. Man braucht für solche Projekte zwar andere Menschen, aber das müssen nicht Menschen sein, die man liebt, es können auch Menschen mit gleichen Interessen sein, Menschen, die von der Einstellung und vom Lebensstil her ähnlich sind, mit denen man gut kooperieren kann.

Allerdings funktionieren diese Projekte besser, wenn Liebe dabei im Spiel ist, Begehren. Ich kann einen Mann heiraten, ein Haus bauen, Kinder kriegen, ohne diesen Mann zu lieben. Aber wenn Liebe dabei ist, ist es schöner. Ich kann Rechtsanwältin oder Managerin werden, weil ich mir das vorgenommen habe (etwa nach einem Vergleich der Einkommens- und Karrierechancen verschiedener Berufe). Aber wenn ich genau diese Tätigkeit auch liebe, wenn mein Begehren darin steckt, ist es schöner. Ich kann Umweltaktivistin oder Tierschützerin werden, weil ich rational einsehe, dass das wichtig ist oder weil ich Leute getroffen habe, die mich dazu überreden, aber wenn genau bei diesem Thema auch mein innerstes Herzblut dran hängt, ist es schöner.

Liebe, so behaupte ich, ist keine Sache an sich, Liebe ist kein Substantiv. Sie ist eher ein Adjektiv, eine bestimmte Qualität, die eine Beziehung hat – oder eben nicht. Es gibt Beziehungen zu Menschen, zu Tätigkeiten, zu Dingen mit und ohne Liebe, aber wenn Liebe dabei ist, sind diese Beziehungen schöner. Dann eröffnen sich mehr Möglichkeiten, dann ist Strom drauf.

Allerdings wird Liebe bei uns nicht so gesehen. Liebe wird als etwas begriffen, das zu bestimmten Lebensprojekten unabdingbar dazu gehören soll (die Paarbeziehung, die Familie), bei anderen Lebensprojekten aber als verzichtbar oder nebensächlich angesehen wird (die Arbeit, die Politik). Und das ist meiner Ansicht nach das Problem.

Denn wenn diese große motivierende Kraft, die das Begehren, die Liebe, darstellt, eingehegt wird auf ein bestimmtes Projekt (die Paarbeziehung), dann wird dieses Projekt schlicht überfordert, während alle anderen Projekte tendenziell lieblos werden.

Das führt dann dazu, dass, wenn ich mich zum Beispiel in einen Menschen verliebe und er oder sie sich idealerweise auch in mich, viele glauben, sich damit auch auf ein bestimmtes Lebensprojekt festzulegen. Wenn sich aber nun herausstellt, dass die beiden im Bezug auf Paar-Haus-Kinder unterschiedliche Vorstellungen in ihrem Leben haben, ist das Problem da. Man hält die Liebe für gescheitert, findet die anderen egoistisch, hat den Eindruck, dass irgendetwas falsch läuft und geändert werden muss.

Hierher rührt die falsche Auffassung, die neuerdings überall zu hören ist, dass zu viel Freiheit ein Problem für die Liebe sei. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Freiheit, die liberale Gesellschaften uns bieten – dass wir unsere Lebenspartner_innen nicht nur aus derselben Kultur oder Klasse oder aus einem bestimmten Geschlecht auswählen können, dass auch unser Lebensweg nicht vorherbestimmt ist, sondern dass wir bei all dem dem „Ruf der Liebe“ folgen können, wenn man es mal so platt sagen will – ist eine großartige Möglichkeit und erweitert das Potenzial der Liebe.

Das einzige, was wir uns dabei klar machen müssen, ist dass zwei Menschen, die sich lieben, deshalb noch nicht automatisch dieselben Projekte verwirklichen wollen. Früher wollten sie das aber auch nicht. Früher war es nur so, dass die Menschen in der Wahl ihrer Projekte weniger frei waren als heute, und dass danach, ob dabei Liebe im Spiel ist, meistens gar nicht erst gefragt wurde.

Das Leben ist schlicht und einfach besser und schöner, wenn ich mehr Möglichkeiten habe, meinen Liebesimpulsen zu folgen. Aber die Liebe ist eben bloß ein erster Motivationsschritt, eine Kraft, die mir Orientierung gibt, weil ich von irgendetwas oder irgendjemandem angezogen werde, sie ist noch nicht die ganze Geschichte. Die Liebe überwindet Anfangsschwierigkeiten, denn sie steht über der Vernunft. Die Liebe macht es möglich, dass ich mich mit Menschen beschäftige und ihnen Aufmerksamkeit schenke, die die Vernunft gleich als ungeeignet aussortieren würde. Die Liebe bringt mich dazu, Projekte anzugehen, auch wenn sie erst mal unmöglich oder viel zu schwierig zu sein scheinen. Liebe ist ein Anreiz, eingefahrene Bahnen zu verlassen, wer liebt ist mutig und stark.

Aber die Liebe ist kein Ersatz dafür, dass ich mir überlege, welches denn meine Lebensprojekte sind, was ich überhaupt will. Die Liebe bietet zwar Orientierung und öffnet Türen – aber dann muss ich eben auch noch überprüfen, ob ich dahin, wohin sich eine Tür öffnet, überhaupt gehen will. Die Liebe, für sich genommen, ist inhaltsleer. Sie bedeutet noch nicht, dass danach dieses oder jenes getan wird. Und deshalb muss ich auch akzeptieren, wenn andere vielleicht nicht unbedingt durch die Türen gehen wollen, die ihnen ihre Liebe zu mir öffnet. Ich kann nicht erwarten, dass sich jemand, nur weil er mich liebt, sich denselben Projekten verschreibt, die mir in meinem Leben wichtig sind.

Wenn zwei sich lieben, dann sind ihre Projekte nicht automatisch dieselben, das muss anschließend noch verhandelt werden. Allerhöchstens erhöhen sich die Chancen, dass sie etwas Gemeinsames finden. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht sind ihre Ansichten, Wünsche, Gewohnheiten, Ziele einfach zu unterschiedlich. Dann trennen sie sich wieder und es war trotzdem eine schöne Zeit und kein Scheitern.

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